Das Netzwerk der Liebe

Enden lassen sich leicht herauf beschwören. So leicht, dass
daraus eine abendländische Tradition geworden ist. Grabreden kommen hier so
richtig gut. Auch das Ende der Liebe ist jetzt in Sicht. Schuld an diesem Ende
ist, so heißt es, die unendliche Freiheit des Internets. Sie macht (angeblich)
gefühlsunfähig, weil sie uns zur Unverbindlichkeit domestiziert. Immer Ja sagen
und nie Nein – das wäre die Grammatik des Zufalls und der
Verantwortungslosigkeit. Liebe wird zur Luft. Wer in Facebook die Welt umarmt,
greift ins Leere.

Doch das Innen-Leben von facebook hat auch eine Innen-Liebe. Es gibt hier einen eigenen Liebescodex, der viel mehr ist als bloße Verbindung: nämlich Verbündung. Und das ist stärker, echter, konkreter. Freilich hat diese Netz-Liebe nichts zu tun mit dem Eros, dem sinnlichen Begehren eines Körpers, einer Haut. Wo dieses erotische Sehnen sich im Netz abspielt, da beginnt allerdings das Ende der Liebe. Die Zone des Verlusts, des Sich-Verlierens übernimmt das Kommando.

Aber Verlieren ist weder die Logik des Netzes noch die der Liebe. Im Gegenteil. In beiden Fällen geht es um Zugewinn. Unser Liebesvermögen ist schwach, und viel zu schwach für diese globale, multidimensionale Welt. Unser Lieben verliert sich im Labyrinth der Matrix. Deshalb muss uns die Technik weiterhelfen. Plattformen halten unser Hinabfallen in die Leere des kalten Raumes auf. Facebook ist unser Liebesorgan in Zeiten des mobilen und globalen Überschalls. Hier behalten wir im rasenden Stillstand den Überblick, und nicht
nur bei den vielen Geburtstagen. Facebook bündelt die Kontakte, auf die es
wirklich ankommt und verpflichtet uns dazu, dieser Verantwortung des Kontakts
gerecht zu werden.

Die Liebe in Facebook geht also tief. Liebe muss nicht nur Begehren und Sehnsucht sein. Liebe ist auch Gegenwart und Stehen in der sozialen Pflicht des Jetzt. Philia ist die Freundesliebe, Agape (caritas) die Nächstenliebe. Diese in einer materialistischen Gesellschaft längst vergessenen uralten Bedeutungen können wir in Facebook wieder erlernen. Bei Liebe geht es nicht nur um uns, sondern wesentlich um den Anderen, auf den unsere Liebe ausgerichtet ist. Facebook-Freunde sind keine Ansammlung von zufälligen Klicks, die zeigen, wie beliebt ich bin. Facebook-Gruppen sind kleine soziale Zellen, kollektive Einheiten, Gemeinden. Um zu verstehen, was sich hier sozial ereignet, kann man an die griechische Polis denken oder an die Urchristen der Katakomben oder an einen vergessenen Urwaldstamm oder an einen Schützenverein. Es geht um das beschränkte soziale Territorium und um die Verbindlichkeit, zu der es erzieht.

Facebook ist keine Wüste Gobi der Liebe, sondern eine unendliche Vernetzung digitaler Stammtische. Auf der Pinnwand von Facebook handeln und sprechen wir coram publico
– das heißt: in aller Öffentlichkeit. Die Freigabe der eigenen Privatsphäre ist ein Akt der Selbstreflexion als soziales Wesen. Der Raum der Kommunikation ist transparent. Kritik und Lob müssen öffentlich ertragen und geteilt werden. So entsteht – und das ist das Schöne: in jeder Zelle anders! – eine neue soziale Mitte, ein auratischer Liebespol.

Alexander Pschera

 
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Philosophie ist super!

Zwei neue Zeitschriften belegen ein wachsendes Bedürfnis nach Philosophie. Precht, Safranski, Han und co. haben es geschafft, die Menschen für die Jahrtausende lang verschmähte Weisheitsliebe zu begeistern. Die Philosophen und das Publikum dürfen sich freuen. Endlich dürfen auch die “Denker” in die Talkshows, und die Jugend hört Sloterdijk auf dem iPod.

Auch politisch betrachtet haben wir es mit einem Glücksfall zu tun. Philosophische Bildung erreicht nun auch jene Gesellschaftsbereiche, die sonst Dale Carnegie (“Sorge dich nicht, lebe!”) konsumiert haben, wenn überhaupt. Nun werden auch diese von der Philosophie Unberührten mit den tiefen Wahrheiten, dass es gut sei, sich einmal Zeit zu nehmen oder dass die Väter fehlen oder lügen manchmal gut sei, konfrontiert. Kants Ziel, den Menschen zur Mündigkeit zu erziehen, ist nahe herangekommen. Das Christentum hat abgewirtschaftet und fährt damit ungebremst fort. Die Aufklärung vollendet sich doch. Philosophie ist super!

“Dieser nächste Entschluß der reinen Idee, sich als äußerliche Idee zu bestimmen, setzt sich aber damit nur die Vermittlung, aus welcher sich der Begriff als freie, aus der Äußerlichkeit in sich gegangene Existenz emporhebt, in der Wissenschaft des Geistes seine Befreiung durch sich vollendet und den höchsten Begriff seiner selbst in der logischen Wissenschaft als dem sich begreifenden reinen Begriffe findet.”

Bleibt zu hoffen (man verzeihe dieses Fragezeichen), dass die super Philosophie nicht beginnt, die alte verschmähte insofern zu verdrängen, als die ganz offenbar noch kryptisch und weltfremd denken zu dürfen vermeinte. Die Verdrängung würde so vor sich gehen, dass der von Precht und co. gesetzte Standard der super Verständlichkeit auf die Ansprüche der Philosophie schlechthin übertragen würde. Dann könnte man so einem wie Hegel jenen Satz um die Ohren hauen, dieselben langziehen und ihn tadelnd auffordern, er solle sich einmal an so einem wie Safranski ein Beispiel nehmen.

Vorerst sind wir froh, dass die Philosophie auch einen Markt gefunden hat und gehen davon aus, dass das nichts mit der Eitelkeit des Kapitals und seiner Anhänger zu tun hat.

Peace on earth!

Peter Trawny

 
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Bücherdämmerung, 2. Akt // Zur Erotik des Lesens

Das Leuchten des E-Textes ist ein Zeichen der Fremdheit, das uns verstört. Die
Magie des Lesens beruht darauf, Texte in die Dunkelheit zu bringen und sie
dort, an geheimem Ort, mit dem Licht unserer Aufmerksamkeit, unseres
Geistes zu bestrahlen. Dadurch geraten Bücher in unseren Besitz. Die Erfahrung des
In-Besitz-Nehmes geht zurück auf unsere Kindheit, als wir uns mit einem Buch
unter den Wohnzimmertisch oder unter die Bettdecke zurückzogen haben, und dort den
schwachen Lichteinfall, der sich durch das Spitzenwerk des Tischdeckenrands
oder durch die Linse der alten Taschenlampe brach nutzten, um die Buchstaben zu entziffern. Wir beleuchten, damals wie heute, den Text, damit er sein Geheimnis preisgebe. Der Text ist eine Höhle in der Höhle, die wir erkunden. Nach der Erkundung gehört er dann uns. Dass uns ein Text aus eigener Kraft und aus eigener Quelle  anleuchtet, macht ihn zu einem Fremden. Zunächst macht es ihn zu einem Nicht-Text.

Lektüre ist Aneignug. Das Lesen von Büchern ist eine Form der Inbesitznahme. Die Geschichte des Lesens ist nicht zu verstehen, wenn man den körperlichen Aspekt dieses Lesens ausser Acht lässt. Es ist ein Fehler, zu denken, die Leidenschaft des Lesens sei ein rein geistiger Vorgang, Bücher würden nur unserem Verstand Nahrung zuführen.

Lesen war und ist immer auch Besitzenwollen der Materie des Buches.

Das Hineinriechen in Bücher ist hoffentlich keine allzu seltene Angewohnheit. Für viele Leser ist die Nase das erste Kontaktorgan mit einem Buch. Dann die Hände. Die Augen kommen erst später. Selbst in Buchhandlungen, wo es nicht unbedingt zum
guten Ton gehört, seine Nase in fremde Ware zu stecken, kann man es beobachten.
Da blickt einer sich kurz um, ob ihn niemand sieht, öffnet schnell das Buch in der
Mitte, versenkt seine Nase in die Seiten und zieht die Luft ein. Dann folgt
wieder ein Blick, ob es auch wirklich niemand gesehen hat. Manche gehen andes
vor, lassen die Seiten des Buches über den Daumen gleiten und setzen so den
Duft des Buches frei. Das funktioniert bei Konsalik wie bei Husserl. Ein
süss-säuerlicher, manchmal auch herber, linolartiger Geruch entströmt dem
frischen Papier. Ein Geruch, der Erinnerung und Erwartung zugleich ist.

Warum riechen wir in Bücher hinein? Es ist ein atavistischer Reflex, dem wir
nachgeben. Wir werden zu einem Jagdhund, der seine Fährte aufnimmt, die ihn zur
Beute führen soll. Das Buch wird erst berochen und dann „verschlungen“.

Lesen ist ein erotischer Akt. Besitz und Vereinigung sind seine Merkmale. Das Riechen
am Druckwerk ist Vorspiel des Kommenden. Das Buch ist ein Körper. Vielleicht ist
es ein Versuch, sich des Buches sinnlich zu bemächtigen. Jedes Buch hat seinen
eigenen Geruch, wie auch jeder geliebte Mensch seinen eigenen Geruch hat. Hineinriechen ist ein Akt der Zärtlichkeit, in dem sich ein Besitzenwollen verbirgt. Es ist zugleich die Ahnung des Kommenden, der Lektüre, die wir sinnlich vorwegnehmen wollen.

Was wir am meisten vermissen werden, wenn die echten Bücher einmal der
Vergangenheit angehören, ist ihr Geruch. Bücher müssen erst berochen, dann
gelesen werden. Selbst die Zigarettenrauch-geschwängerte fünfundzwanzigste
Auflage von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung, vor mehr als zwanzig Jahren aus dem
staubigen Regal eines dunklen Antiquariats in einer Nebengasse der Heidelberger
Universität gezogen, hat heute noch mehr sinnliche Gegenwart als die digitale
Doppelseite eines neuen Sloterdijk. Dieser Geruch bildet Geschichte ab. Er
hüllt den Text des Buches ein wie eine Weihrauchwolke.

Mein ipad dagegen riecht nach nichts. Ich habe es jetzt auch noch mal auf der
Rückseite versucht. Aber das Ergebnis war noch weniger überzeugend. Elektrische
Geräte sind geruchslos. Wenn sie zu riechen beginnen, dann sind sie kaputt.

Alex Pschera

 
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Bücherdämmerung, 1. Akt

Heute konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen, an meinem ipad zu riechen. Es hat eine hellbraune Lederhülle, die ziemlich abgewetzt und befleckt ist. Tief zog
ich den schwachen Wildledergeruch in meine Nüstern ein und versuchte dabei,
irgend etwas zu empfinden. Dann habe ich die Wildlederhülle, die aus mehreren
steifen Lamellen besteht, nach hinten geklappt, kindle angetippt und in Charles
Dickens großartigem Roman A tale of two cities weiter gelesen. Kühl leuchten mir jetzt die Buchstaben entgegen. Emotionslos stehen sie im kalten digitalen Raum. Langsam verlöscht das Licht im Zimmer. Der E-Text strahlt in ewiger Ruhe. Er ist.
Und wir sind auch. Wir schauen uns gegenseitig an.

Ein kleiner Junge sitzt in einer Sommernacht auf einem Hügel unter der Silhouette
eines großen Baums, der dort schon Jahrhunderte steht. Auf den angewinkelten Knien des Bubs liegt ein Gegenstand, der wie ein Buch aussieht. Der Junge liest. Er ist versunken, er ist der Welt abhanden gekommen. Doch in dem Bild liegt etwas Verstörendes. Denn von dem Buch geht eine Strahlung aus. Es wird von einer Lichtaura umgrenzt. Es ist kein Buch, sondern ein kindle. Und das Bild ist keine reale Szene, sondern das kindle-Logo.

Wir treten ins Zeitalter der elektronischen Bücher ebenso zwanglos und nonchalant
ein wie in die neue Wirklichkeit der sozialen Medien oder in ein neues
europäisches Finanz- und Wirtschaftssystem. Das Geld ist uns bereits restlos
fremd geworden. Freundschaft und Liebe driften im digitalen Raum langsam davon und
verwandeln sich in etwas Neues, Unfassbares. Und auch das Lesen beginnt nun, uns allmählich fremd zu werden. Die Bücher fangen an, sich von uns zu entfernen. Doch wir tun so, als würde nichts geschehen.

Die Intellektuellen sprechen und urteilen über diese neue Welt, stehen mit beiden Füssen aber fest in der alten, als sei nichts geschehen. Kaum gab es eine andere Epoche in der Geschichte der Menschheit, indem die Meinungsführer so wenig von dem wussten, worüber sie permanent reden und schreiben.

Wir dämmern dahin. Wir schweben gleichsam auf der Schwelle zwischen zwei Welten.
Dies ist das allgemeine Lebensgefühl: die Ahnung eines grundsätzlich Neuen und
Anderen, das behutsame Ablösen vom Boden bekannter Tatsachen, das zarte
Auftrennen jahrhundertealter Verbindungen, aber zugleich das rationale Wegargumentieren dieser Zeichen. Schlafwandeln ist ein gutes Bild für diesen Zustand.

Wir sind Schlafwandler.

Und wo ist dieser schwebende Übergang besser zu fassen als im Akt der Lektüre?

Alex Pschera

 
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Rolex rules: über Ressentiment, Entgrenzung und Post-Slavery

Im Raum der Marken ist alles möglich. Marken sind das wahre soziale Medium. Deswegen bauen Marken Häuser: Museen, Arenen, Flagshipstores. Konditionierungs-Tempel, die soziale Zugehörigkeit bieten. Der Raum des Sozialen, den das individuelle Konsumverhalten zerstört, wird im Raum der Marke neu errichtet, um eben diesen Konsum zu verstärken. Das ist die Logik des Neo-Liberalismus.

Marken sind Präfigurationen neuer sozialer Konvergenz, sie heilen auch von der Krankheit des Ressentiments. Sie sind Vorspiegelungen der sozialen Medien, weil sie selbst Medien des Sozialen sind. In ihnen kündigt sich ein Weg an, das Soziale für den Markt zurückzugewinnen. Denn das Soziale wird hier als Ressource gedacht. Das ist nicht nur eine Rekonstruktion sozialer Marktkonvergenz, sondern es ist die Erfindung eines Innovationsmusters, das den Neo-Kapitalismus, der beginnt, an der Geste des sich ständigen Sich-Selbst-Überbietens zu Grunde zu gehen, retten kann.

Marken sind die letzten sozialen Räume, die Differenzen überwinden. Marken sind Dächer des Sozialen. Unter dem Signum des Hedonismus lässt sich alles versammeln, was auseinanderstrebt und sich bekämpft: Dummheit und Schlauheit, Arm und Reich, Schwarz und Weiss, Mann und Frau. Marken sind zu Fluchträumen entgrenzter Gesellschaften geworden. Man muss weder vor sich selbst noch vor dem Fremden davonlaufen, sondern kann sich in das Gefühl zurücklehnen, in der Marken-Aura Sicherheit und Stabilität zu erfahren.

The Rolex Mentor and Protégé Arts Initiative. Schön gesagt. Aber dahinter lauert das alte Muster der Herrschaft.

Der Besuch des alten Manns bei der jungen Dame: Tell me your story, Tracy, and I will try to help…. :-)

Alex Pschera

 

 
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Lob des Ressentiment

Ich feiere die Bitterkeit, die so herrlich zerstörerisch ist.

Das Ressentiment wird für gewöhnlich als hässliches Zeichen der Rache betrachtet, als ein Angriff, schon im Voraus unglaubwürdig, weil er aus einer vorangegangenen Niederlage, aus Schwäche also erfolgt. Ich will dieses hässliche Rache-Mal, diesen verdorbenen Angriff in seiner eigentlichen Verehrbarkeit loben. Das Ressentiment ist eine Energie. Sie will ihr Objekt nicht nur zerstören, sondern in dieser Zerstörung erniedrigen. Nein, es geht nicht um Perverses. Es geht um die Erinnerung an den Tod, an die Verzweiflung, um eine sehr ernste Erinnerung an all die verpassten Möglichkeiten der Gemeinschaft, der Solidarität. Das Ressentiment ist die Erinnerung an jene Indifferenz, an das selbstzufriedene Lachen, das zu vergehen hat, weil es all die verletzt, die nichts zu lachen haben. Ich gehe täglich mit meinem Tod um. Aber Du, Du fühlst Dich unsterblich. Das muss anders werden. Und wer freut sich in diesen Tagen nicht darüber, dass Einige sich vielleicht weniger unsterblich finden, weniger lachen als bisher? Diese Freude lobe ich.

Das Ressentiment, wenn es praktisch wird, schafft einen wichtigen Ausgleich, eine Katharsis, die das Leben von seinem elenden Glücksgefälle läutert. Denn was liegt daran, dass der Andere Glück hat. Ich habe nicht nur kein Glück. Der Andere schert sich nicht darum. Er beleidigt mich jederzeit mit seinem Lachen. Das muss herzlich gehasst werden.

Gibt es ein Ressentiment gegen die “Technik”? Nein. Es gibt nur ein Ressentiment gegen Menschen, gegen die Vertreter eines bestimmten Menschentyps, gegen diese Glücks-Gewohnten, d.h. gegen ein Fehlen der Verzweiflung. Ich lobe dieses Ressentiment, das die Verzweiflung will, das sie fordert und jeden aus seinem Glück vertreiben will, der nicht meine Tränen kennt.

Der Sklave hat das heilige Recht, vielleicht sogar die heilige Pflicht, sich an der Erniedrigung des Herrn zu erfreuen. Und es ist auch nicht zu übersehen, dass die Herren selbst heute ihre Herrschaft ebenfalls auf das Ressentiment gründen. Die heutigen Herren hassen ebenso ihre Herren und lehrten sie, dass der Mensch zuerst und zuletzt nackt ist. Sie hassen sogar nicht nur die alten Herren, sondern die Sklaven noch dazu. Die Erinnerung des Ressentiments ist jedem, auch den Glücklichsten bekannt. Ich feiere daher die allumfassende Kraft des Ressentiments.

Ich bin ein Sklave und lobe die heilige Hoffnung auf den Untergang der Herren.

Ich möchte an eine ungeschriebene Neunte des Ressentiments glauben, an die recht gelbe Heiterkeit angesichts jeden Unglücks der Grinsenden. Ich lobe das gallige Vergnügen am Absturz der Privilegierten. Ich erfreue mich ihrer bleibenden Schäden. Ich lobe das Leid derer, die mich von ihren Freuden ausschließen. Und wer wollte hier nicht loben?

Ich feiere die Bitterkeit, die so herrlich selbstzerstörerisch ist.

Peter Trawny

 
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Der Netz-Werk-Mensch. Die neue Sklavenhaltergesellschaft II

Ein Element der kapitalistischen Ideologie und Ökonomie ist das an den Menschen ergangene Gesetz, er müsse sich in einem von den Märkten eröffneten und unterhaltenen Geld-Segmenten erfolgreich funktionalisieren, um zu Wohlstand und Reichtum zu gelangen. Wo er das tut, ist gleichgültig. Hauptsache ist, dass er es so effizient wie möglich tut.

Es ist diese Beliebigkeit, die der Liberalismus als “Freiheit” verkauft. Einerseits ist das nicht unberechtigt, da es dem Einzelnen so scheinen muss, als könne er in einer bunten Markt-Welt sein im passendes Segment wählen. Andererseits muss er lernen, dass es nicht um ihn, sondern um die ökonomische Kraft des Marktes geht. So lange allerdings das Geld stimmt, ist das nicht der Rede wert.

Der Kapitalismus entfaltet sich im Zeichen jenes Gesetzes in einer Geschichte von Märkten. In den letzten Jahrzehnten hat sich etwas verändert.

Im kapitalistischen Medium gab es wohl eine Zeit, in der sich Bourgeoisie und Proletariat in einem gewissen Punkt einig waren. Die Leistung des Einzelnen (sei er Eigentümer der Produktionsmittel oder bloße Produktionskraft) bemaß sich nach dem, was “Arbeit” genannt wurde. Diese wiederum bemaß sich nach den Kriterien der Quantität und Qualität. Für z.B. einen Techniker im Bereich der Schwerindustrie war nicht nur wichtig, wieviel er schaffte, sondern auch wie gut. Der Schacht musste nicht nur tief sein, er musste zudem dem Druck des Gesteins standhalten. Die Leistung verobjektivierte sich im Produkt. Und jeder, der sich einigermaßen auskannte, konnte die Produkte in ihrer Qualität unterscheiden.

Wir durften Zeuge der Erscheinung eines neuen Typus’ des Mediums sein. Die Bühne gehört dem Netz-Werk-Menschen. Alles fing damit an, dass wir lernen mussten, das Produkt anders zu fassen. Ein anderes Kriterium wurde wichtig. In der Netz-Werk-Welt geht es um “Sozialkompetenz”. Man lebt und denkt in Netzwerken. Die Welt ist technisch und sozial – und das heißt immer auch ökonomisch – vernetzt. Die “sozialen Medien” sind wahrscheinlich nicht das Vorbild, sondern die Folge davon.

Zur Produktivität des Netz-Werk-Menschen gehört nicht mehr vorrangig seine “Arbeit”, sondern wie sehr und wie erfolgreich er in Netzwerken verflochten ist. Dazu muss er sich den Ansprüchen des sozialen Surfens so flexibel wie möglich einfügen. Um diese Flexibilität geht es zuerst. Was einer zu tun und zu sagen hat, ist zweitrangig. Hauptsache er ist einer von den Netten.

Damit dringt der Narzissmus und die narzisstische Verletzung in einer Weise in die Produktionssphäre, die der gute alte Techniker und Technokrat nur verachtet hätte. Für ihn musste die Leistung objektiv zu bemessen sein. Für den Netz-Werk-Menschen hat sich das Produkt ins Subjektive verschoben. Man liebt sich. Wer ein Kauz ist, hat hier schlechte Karten. Er hätte der größte Dichter des 21. Jahrhunderts werden können. Nicht nur der Mundgeruch besiegelte sein Schicksal. Er war einfach verbittert (wie wäre es, das Ressentiment einmal kräftig zu loben?).

All das ist nicht neu. Schon Sokrates/Platon hatten es mit den Sophisten aufzunehmen. Enorm flexible Typen, die klug ihren Vorteil zu wahren vermochten, wanderten sie durch die Gegend und lehrten den Reichen das Reden und Rechnen. Sie waren also selber wohlhabend. Sokrates war hässlich und arm, hatte ein hässliches Haus, eine hässliche Frau und hässliche Kinder und wurde auch noch unter hässlichen Umständen hingerichtet; ein ewiger nerd und party pooper, der bekam, was er verdiente.

Peter Trawny

 

 
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Das Netz: eine Massen-Exstase aus dem Jahr 1968?

Es ist ja lobenswert, dass die Internet-Exhibitionisten der Spackeria ihrer Bewegung das kalt-Utopische zu nehmen versuchen, indem sie an die Vergangenheit erinnern, in der es ja auch schon einmal Versuche gab, “Privatsphäre” aus- und aufzuhebeln.

Auf dem Spackeria-Blog wird ein entsprechender Schulterschluss angekündigt http://blog.spackeria.org/.

Ob man jedem müde gewordenen Kommunarden seine Schulter leihen will, an der er sich ausruhen oder ausweinen kann, ist eine Frage. Eine andere Frage ist, ob das Internet wirklich die Erfindung von 1968 sein kann, wie Langhans auf seinem eigenen Blog verkündet:

Das Netz entsprang einer einzigartigen und beispiellosen globalen Ekstaseerfahrung oder Vision, die sich “1968″ nennt. Alle bisherigen Ekstaseerfahrungen blieben personal und regional, äußerstenfalls national: “Männer machen Geschichte”. Diese letzte Ekstaseerfahrung ist global und überwältigend wie nie zuvor. So stark, dass keine Religion daraus entstand, sondern eine Erfahrungsfamilie neuer Menschlichkeit.

Wenn irgendwo etwas “enstpringt”, sollte man sowieso den Rationalismus-Detektor entsichern. Erst recht, wenn dieses “etwas” sich einer “Vision” verdankt. Das Netz “enstprang”  bekanntlich militärischen Machtstrukturen und hat sich von dort den Weg in die Gesellschaft gebahnt. Es ist materialistisch und männlich bis zum Umkippen. Dass es jetzt immer wieder heißt, “Facebook sei etwas für Frauen”, ist einerseits witzig, sollte aber andererseits erst mal genauer untersucht werden.

Zurück zu Langhans: Es ist ja immer wieder schön, einen Kulturoptimisten am Werk zu sehen. Aber das Netz als eine Meta-Religion zu überhöhen ist konturlos und schlaff. Unpräzise und schwammig wie das ganze retrospektive 68er-Gedussel

Post Privacy – ich nenne es übrigens lieber Beyond Privacy, weil das mehr auf das Zukünftige verweist und nicht so sehr auf das Zurückgelassene – ist ein interessanter und realer Trend. Der öffentliche Raum des Netzes ist im Wesentlichen unromantisch. Ihn mit Erweckungshoffnungen, die doch dann wieder ganz privat und mystisch sind, zu koppeln, ist mehr als ein Rückfall. Es ist ein lächerlicher Rückfall.

Alexander Pschera

 
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Entgrenzung I

Man kann es schon so machen, sich einfach neben das Leben hinstellen oder hinlümmeln und so tun, als sei es nicht da oder vielmehr immer nur dann, wenn man es gerade braucht und dann eben nur und ausschließlich so, wie es einem in die Situation paßt. Dann fließt, blubbert, zischt, wirbelt, kluckert, plätschert, sickert oder strömt es an einem vorbei, das Leben. Je nachdem. Ab und an hängt man seine Angel rein und zieht sich einen Fisch. Bei Hochwasser krabbelt man die Böschung rauf, bei Trockenheit sammelt man im Flußbett Brennholz, bei Regen ist es eh egal, und bei Hitze steckt man die Haxen ins Kühle. Wenn es einem langweilig ist, spricht auch überhaupt nichts dagegen, leichten Seins einen flachen Stein flippen zu lassen auf dem glatten Rücken des Lebens. Das haben sich schon viele gedacht, auch jene zwei fast gleichalten Männer dieser kleinen Geschichte. Der eine lebte auf der Südseite des Flußes, der andere hauste an dessen nördlichem Ufer, meist im Schatten. Der eine stand immer ganz früh auf, marschierte nackt mit Sonnenbrille, Bluetooth und Einstecktüchlein durch die Landschaft, sportelte erst, werkelte dann, schwitzte, klopfte, telefonierte, rechnete, machte und ackerte und tat. Der andere steckte den lieben langen Tag den Kopf, die Schultern, den Rücken und den Unterleib in die Büsche und sonnte sich die Fußsohlen. Ab und an ließ er einen deftigen Furz in die Brennesseln und Weidenbüsche abgehen, worauf diese sich sacht im Winde bewegten. Was ihn inspirierte. Einmal im Jahr, meist in einem der Sommermonate, geschah folgendes: Der Südufler schnürte fein säuberlich sein Gepäck, ritzte eine Abwesenheitsnotiz ins Schwemmholz des Netzes und schwamm zügig auf die andere Seite. Der Nordufler kratzte sich gähnend die bleichen Pobacken, schlug die Weidenbüsche und Brennesselstauden auseinander und ließ sich, unrasiert, gemächlich auf dem Rücken ans Südufer treiben. In der Mitte des Flußes hätten sie sich eines Blickes würdigen können, taten es aber nicht, weil der eine auf dem Rücken, der andere auf dem Bauch daherkam. Der Südufler blieb eine Woche im Schatten. Er schnitt sich gleich am ersten Tag ein präzises Rechteck in die Brennesseln, kappte ein paar Weidenäste und stellte 13 strategisch postierte Angeln für die Versorgung mit Fisch auf. Der Schattler blieb eine Woche am Südufer. Man sah ihn meistens herumliegen, manchmal kletterte er aber auch auf einen Baum oder warf Lasso, was er aber nicht gut konnte. Nachdem die Woche vorüber war, verschnürte der Südufler wieder sein Gepäck, verwischte die Spuren, machte alle Türen hinter sich zu, säte neue Brennesseln und sprang, mit Anlauf, in den Fluß. Nach ein paar markigen Kraulzügen drehte er sich auf den Rücken. Das machte die Entspannung. Auf der Südseite stieg der Bleichpo vom Baum, rollte sein Lasso auf wie einen Stacheldraht, pinkelte ins Schwemmholz und schwamm los. Auch auf dem Rücken. Diesmal begegneten sie sich Kopf an Kopf – genau in der Mitte des Flusses. Krise. Aber diese ist ja meist transitorischen Charakters. Man muß durch sie hindurch, erkennt aber erst später, daß man in einer war. Diese Chance hatten die beiden Ufler nicht. Denn, vom Zusammenstoß betäubt, schluckten beide das Wasser des Flusses, der an diesem Tage gar nicht einmal so schnell dahinfloß, und versanken, beide, in den Fluten bis auf den Grund. Um den einen war es nicht schade. Der andere hatte vorher wenigstens noch Brennesseln gesät.

Alexander Pschera

 
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Medien-Theologie?

Und das Fleisch ward Wort.

Alexander Pschera hat eine “Apologie der sozialen Medien” geschrieben. Der Text gehört also in die Geschichte der Apologetik. Ob sie wirklich den “sozialen Medien” gilt?

Pschera “ahnt” in den “sozialen Medien” “Umrisse des Lebens, das wir am See Genezareth gelebt hätten”. “Liebe” ist eines der Hauptwörter seiner Apologie. Es handelt sich nicht um die Liebe des Fleisches, sondern des Geistes. Also gibt es hier eine Theologie des Mediums?

Wahrscheinlich. Wir sehen eine Gemeinde, die unentwegt von Engeln, von Botschaften, erreicht wird, Botschaften, die von der einen Botschaft, der frohen nämlich, diktiert sind.

Warum auch nicht? Der Heilige Geist speist die immateriellen Kanäle des Mediums, wenn er überhaupt etwas speist. Mehr noch. Diese immateriellen Adern der Botschaft scheinen das Ziel einer langen Arbeit am mystischen Leib zu sein. Nun lebt er wirklich. Der Heilige Geist hat sich seinen wahren Tempel erbaut. Kein Fleisch wird hier den Gottesdienst unterbrechen. Die Sünde ist besiegt.

Oder bilden alle Engel einen Engel namens Luzifer? Luzifer ist der Lichtbringer, der gefallene Engel, der in “Paradise lost” seine Armee gegen Gott führt. Sein höchster General ist Beelzebub, einer der gefallenen Engel seines Heeres ist der Dämon Mammon. “Ihr könnte nicht Gott dienen und dem Mammon.” Damit ist die Front bezeichnet. Der Preis des Kampfes ist das Paradies, das vorläufig verlorene.

Aber die Front verläuft nicht außerhalb der Theologie, sondern in ihr. Es wäre eine Theologie, die sich der aus ihr selbst kommenden Gefahr des Anti-Christen bewusst bliebe.

Zuckerberg wird sein Unternehmen an der Börse melden. Es wird auf einen Wert von 100 Milliarden Dollar geschätzt. Mammon kontert. Noch ist der Krieg der Engel nicht entschieden.

Peter Trawny

 
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