Das Netzwerk der Liebe

Enden lassen sich leicht herauf beschwören. So leicht, dass
daraus eine abendländische Tradition geworden ist. Grabreden kommen hier so
richtig gut. Auch das Ende der Liebe ist jetzt in Sicht. Schuld an diesem Ende
ist, so heißt es, die unendliche Freiheit des Internets. Sie macht (angeblich)
gefühlsunfähig, weil sie uns zur Unverbindlichkeit domestiziert. Immer Ja sagen
und nie Nein – das wäre die Grammatik des Zufalls und der
Verantwortungslosigkeit. Liebe wird zur Luft. Wer in Facebook die Welt umarmt,
greift ins Leere.

Doch das Innen-Leben von facebook hat auch eine Innen-Liebe. Es gibt hier einen eigenen Liebescodex, der viel mehr ist als bloße Verbindung: nämlich Verbündung. Und das ist stärker, echter, konkreter. Freilich hat diese Netz-Liebe nichts zu tun mit dem Eros, dem sinnlichen Begehren eines Körpers, einer Haut. Wo dieses erotische Sehnen sich im Netz abspielt, da beginnt allerdings das Ende der Liebe. Die Zone des Verlusts, des Sich-Verlierens übernimmt das Kommando.

Aber Verlieren ist weder die Logik des Netzes noch die der Liebe. Im Gegenteil. In beiden Fällen geht es um Zugewinn. Unser Liebesvermögen ist schwach, und viel zu schwach für diese globale, multidimensionale Welt. Unser Lieben verliert sich im Labyrinth der Matrix. Deshalb muss uns die Technik weiterhelfen. Plattformen halten unser Hinabfallen in die Leere des kalten Raumes auf. Facebook ist unser Liebesorgan in Zeiten des mobilen und globalen Überschalls. Hier behalten wir im rasenden Stillstand den Überblick, und nicht
nur bei den vielen Geburtstagen. Facebook bündelt die Kontakte, auf die es
wirklich ankommt und verpflichtet uns dazu, dieser Verantwortung des Kontakts
gerecht zu werden.

Die Liebe in Facebook geht also tief. Liebe muss nicht nur Begehren und Sehnsucht sein. Liebe ist auch Gegenwart und Stehen in der sozialen Pflicht des Jetzt. Philia ist die Freundesliebe, Agape (caritas) die Nächstenliebe. Diese in einer materialistischen Gesellschaft längst vergessenen uralten Bedeutungen können wir in Facebook wieder erlernen. Bei Liebe geht es nicht nur um uns, sondern wesentlich um den Anderen, auf den unsere Liebe ausgerichtet ist. Facebook-Freunde sind keine Ansammlung von zufälligen Klicks, die zeigen, wie beliebt ich bin. Facebook-Gruppen sind kleine soziale Zellen, kollektive Einheiten, Gemeinden. Um zu verstehen, was sich hier sozial ereignet, kann man an die griechische Polis denken oder an die Urchristen der Katakomben oder an einen vergessenen Urwaldstamm oder an einen Schützenverein. Es geht um das beschränkte soziale Territorium und um die Verbindlichkeit, zu der es erzieht.

Facebook ist keine Wüste Gobi der Liebe, sondern eine unendliche Vernetzung digitaler Stammtische. Auf der Pinnwand von Facebook handeln und sprechen wir coram publico
– das heißt: in aller Öffentlichkeit. Die Freigabe der eigenen Privatsphäre ist ein Akt der Selbstreflexion als soziales Wesen. Der Raum der Kommunikation ist transparent. Kritik und Lob müssen öffentlich ertragen und geteilt werden. So entsteht – und das ist das Schöne: in jeder Zelle anders! – eine neue soziale Mitte, ein auratischer Liebespol.

Alexander Pschera

 
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