Die neue Sklavenhaltergesellschaft

Wer verstehen will, was ist, was geschieht, der muss nicht den steilen Thesen der Philosophen (erst Recht nicht der sonstigen Schriftsteller) folgen, sondern die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der wir leben, durchdringen. Alles beginnt dort, wo die Menschen mit ihren basalen Antrieben tätig sind, wo sie für ihre sozio-ökonomische Existenz sorgen. So ein Denken, das sich von Marx herschreibt. Ich versuche, dem einmal zu folgen.

Marx hatte das beginnende Industriezeitalter vor Augen. Es gab noch keine Schwerindustrie. Sie bestimmte das 20. Jahrhundert. Dennoch operierte Marx bereits mit Begriffen wie z.B. dem des “Weltmarkts”. Unsere gesellschaftliche Situation ist von den Medien in verschiedensten Spielarten geprägt. Das Leuchten und Leuten der Bildschirme ist omnipräsent. Mit ihrer Bildmacht zeichnen sie einen Anblick, der vor Reichtum und Gesundheit strotzt. Eine Verzerrung, wie sich herausstellen wird. Wer unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen versucht, muss mit einer “Medien-Analyse” beginnen.

Ich versuche also, die Medien (darunter auch die “sozialen Medien”) als das sehr wichtige Indiz einer politisch-ökonomischen Wirklichkeit zu begreifen, die gerade im Medialen ihren eigentlichen Charakter hat. Dabei erscheint es mir als sinnvoll, die Vielheit dieser Medien als die Streuung eines Mediums zu deuten. Die Vielheit der Medien dient dazu, dass die Macht dieses einen Mediums sich verhüllt.

Marx bezeichnet das Kapital einmal als ein “Verhältnis”. Er dachte an das zwischen den Eigentümern der “Produktionsmittel” und den “Produktionskräften”, d.h. denen, die ihre Arbeitskraft einzusetzen gezwungen sind. Dieses “Verhältnis” ist dieses eine Medium.

Die sozio-ökonomische Situation einer Gesellschaft leitet sich nun von dem her, wie dieses “Verhältnis” – das Medium – konkret gestaltet wird bzw. zur Gestaltung dieser Gesellschaft dient. Indem das Medium bzw. das Kapital dieses “Verhältnis” ist, zeigt sich, dass es immateriell ist.

Heute organisiert das Medium (d.h. das Kapital) die sozio-ökonomische Lage der Gesellschaft so, dass wir auf einen neuen, subtilen und paradoxen Typus von “Sklavenhaltergesellschaft” zusteuern.

Im antiken Griechenland waren die Freien von den Sklaven für gewöhnlich per Geburt unterschieden. Wir können uns die rechtliche Differenz zwischen diesen beiden nicht extrem genug denken. Trotzdem können wir davon ausgehen, dass die alltägliche Berührung zwischen ihnen groß war. Diese Freien und diese Sklaven lebten sozusagen unter demselben Dach, die Welt war im Zeichen eines abgrundtiefen Unterschieds eine gemeinsame.

Heute ist der Freie der, der durch die Gestaltung des Mediums (des Kapitals) die Arbeit von sich abgestoßen hat. Der Sklave dagegen ist der, der durch dieselbe Gestaltung des Mediums in die Arbeit gestoßen wird. Der Unterschied zwischen diesem Freien und diesem Sklaven ist konkret (sagen wir: “lebensweltlich”) viel größer als der der Freien und Sklaven im antiken Griechenland. Zwar gibt es eine garantierte Rechtsgleichheit, doch diese hat für den Alltag der Menge kaum eine Relevanz. Dieser Freie und dieser Sklave leben kein gemeinsames Leben mehr, es gibt keine Berührung. Gleich geblieben ist übrigens, dass man durch die Geburt in diesen Unterschied gerät.

So gesehen sorgt das Medium in der sozio-ökonomischen Lage der Gesellschaft für ein Verhältnis, das keines mehr ist. Diese Verhältnislosigkeit hat eine positive Bedeutung. Denn sie sorgt dafür, dass das Gemeinwesen (noch) nicht auseinanderbricht. Es ist also die Verhältnislosigkeit, die für den “sozialen Frieden” sorgt.

Und die “sozialen Medien”? Sie scheinen die Mittel zu liefern, den Anschein zu erzeugen, unsere gesellschaftliche Wirklichkeit sei nachwievor eine einheitliche. Durch den Schein des “freien Zugangs” zu allem und jedem meint die Menge, es gäbe noch eine gemeinsame Welt. Demnach sichern die “sozialen Medien” den status quo. Sie verhindern das Sichtbarwerden einer Kluft zwischen Freien und Sklaven, die immer größer wird. Wie sie das leisten, ist beinahe ein wahres Wunder.

Peter Trawny

 
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2 Antworten auf Die neue Sklavenhaltergesellschaft

  1. Ulrich vom Hagen sagt:

    Lieber Peter Trawny,
    eine sehr kluge Analyse der Mediengesellschaft.
    Nur eine Folgerung will mir nicht ganz einleuchten: “Denn sie (die Verhältnislosigkeit; UvH) sorgt dafür, dass das Gemeinwesen (noch) nicht auseinanderbricht.”
    Soll nicht gerade diese Verhältnislosigkeit ausgeblendet werden um den Anschein von Gleichheit aufrecht zu erhalten?

    Gruss,
    Ulrich vom Hagen

    • admin sagt:

      Sehr geehrter Ulrich vom Hagen,

      mir scheint, dass die Medien überhaupt zur Negativität (im ontologischen Sinne) unfähig sind. Sie können nicht zeigen, was nicht ist. Daher entzieht sich jene Verhältnislosigkeit den Medien. Und das eben, wie gesagt, sichert den “sozialen Frieden”. So gesehen blenden die Medien hier eigentlich nichts aus.

      Ich danke Ihnen aber für Ihre Bemerkung, denn ich werde weiter darüber nachdenken.

      Mit freundlichen Grüßen
      Peter Trawny

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