Zucker auf dem Fensterbrett, oder: Call us Ahab

Das Fleisch endet, aber der Körper bricht nicht ab. Hier beginnt die Prothese. Sie ist das Zeichen unserer Versehrtheit, aber sie ist zugleich Teil von uns. Das Holzbein ist eine Organverstärkung. Es ist die Spur unseres Lebens und zugleich ein Zeichen dafür, dass wir ohne die Technik nicht leben können in einer Welt, in deren Tiefen Ungeheuer leben, die unser Seelengewebe fressen. Knock on wood!

Wir sind nicht Ismael, wir waren es nie, sondern unser Mann ist Ahab. Wir sehen die Welt nicht mehr mit großen, staunenden Augen, sondern wir haben das alles schon längst hinter uns. Wir haben dem weissen Wal ins Auge geschaut, und in der Pupille des Wals den Schatten unseres Schattens erblickt. Wir leben nicht in einem Bildungsroman, sondern in einem Endzeitdrama.

Unsere Augen gähnen. Unser Holzbein pocht. Unsere Harpune, oder unsere Nadel, ist Twitter. Sie ritzt, aber sie injiziert auch. Twitter ist reziproke Injektion über die Zellmembran des Netzes. Austausch.

Hinabgenommen werden in die Tiefe vom Ungeheuer, hart und brutal wie Ahab, nicht sanft und weich wie Jean-Marc Barr in Le Grand Bleu - das ist unsere Bestimmung und zugleich unser Begehren, dem sich der abendländische Überlebenstrieb – Bildung, Buch, Besitz – entgegenstemmt. Die Tiefe ist kein esoterischer, sphärischer Raum, an dem die Grenze zwischen Bewußtsein und Nicht-Mehr sanft überschritten wird. Sondern die Tiefe ist ein schwarzes Loch, in das wir mit Lichtgeschwindigkeit hinabrasen, und wie Gregory Peck millionenfach, 800 millionenfach gefesselt an den Körper des Monstrums.

Seid umschlungen, Mi-lli-ooonen! Freude schöner Götterfunken! Tochter! DAS GIBTS NET!

Facebook ist das grosse Blau der zunehmenden Bewußtlosigkeit. Sein faunatisches Emblem ist nicht der Delphin, sondern der Wal – und nicht der liebe, singende Wal des aquatischen Streichelzoos, der weiche Wal, der seine Wässerchen für reiche Whalewatcher auf der Oberfläche der Bewußtlosigkeit versprüht, sondern der böse, der solipsistische Wal, der Wal der Apokalypse.

Das ganz Grosse. Das ganz Andere. Unser Wal.

Facebook ist the BIG WHITE: Mark, ich hab Dir Zucker auf’s Fensterbrett g’straht

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Metaphern/Körper

Alexander Pschera spricht von Netz-Tätowierungen, vom Ein-Ritzen, von Spuren, die “unseren wirklichen Körper” übersteigen, ihn also in die unsichtbare Matrix des Mediums transformieren, transplantieren, wenn er dort nur mit dem anderen Körper verwachsen könnte.

Gewiss ist der Körper eine Schnittstelle des Mediums. An ihm scheiden sich notwendig die Geister. Mit ihm und von ihm entspringt die Revolution, der Krieg. Von ihm soll aber auch das Medium ausgehen, als seine Verlängerung, vielleicht auch als seine Prothese.

Die Rede von der Verlängerung des Körpers ist allerdings eine Metapher insofern, als sie an eine Stelle tritt, an der sich der Körper verlässt. Er überträgt sich ins Unkörperliche. So wird er schlechthin zu einer Metapher. Der Körper ist nun Metapher – weil das Medium Metapher ist. Ist der Körper aber ganz Metapher geworden, hat er sich verloren.

Das “soziale Medium” nimmt den Körper nur so auf, indem es ihm jedes Begehren, jeden Trieb austreibt. In seiner Ewigen Gegenwart wird noch der bloße Stoffwechsel unterbunden. Der Atem stockt. Das “soziale Medium” ist das Reich der Anorexie, das Reich des appetitlosen Hungers, des Verhungerns.

Die Sklaven des Mediums haben kein Begehren mehr, sie können sich nicht mehr berühren. Die Metapher ist zu mächtig geworden, die Übertragungen ziehen den Körper in einen stofflosen Raum, wo er nur noch bizarren Bildern von sich selbst begegnet. Diese Begegnungen bleiben spurlos, weil es keinen Anderen gibt, der die Spur empfänge, der zu einer Spur meines Begehrens werden könnte. Das Begehren, das der Mediums-Körper kennt, ist die Masturbation – wenn er noch die Kraft dazu findet, seinen Selbstekel unterbrechend.

Kein Körper ohne den Körper des Anderen.

Pschera hat Recht, dass dieser Blog auf mich, der ich die Texte mit meinem Namen verbürge, verweist. Es mag auch sein, dass Pscheras Name an dieser Stelle mit meinem eine Verbindung eingeht. Habe ich aber das Netz tätowiert, mich eingeritzt? Es gibt hier keinen Schmerz, der das eindringende Projektil anzeigt. Es gibt in diesem “Metapherngestöber” keinen Körper, den ich liebkosen oder vernichten könnte.

Peter Trawny

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sich dem Medium einritzen

Totale Positivität würde heißen: Spurlosigkeit. Alles, was sich einer Positivität einzeichnet, würde dann absorbiert werden in einer Aura. Absorption wäre Umwandlung potentieller Negativität in ein Positivum.

Spuren sind negative Konturen. Sie drängen das Volumen und den Raum dessen, in das sie sich eintragen, zurück.

Unendlicher Schnee ist ein solches Positives. Er deckt die Spuren immer wieder zu. Schnee lässt sich nicht tätowieren. Schnee hat keine Erinnerung.

Dieser Blog, der sich gerade schreibt, ereignet sich im Medium. Er nimmt einen Teil des Mediums in Besitz. Er schreibt dem Medium seine Spur ein. Er ritzt sich in die Haut dieses Mediums ein.

Blogs tätowieren das Netz. Sie sind die Stammeszeichen der digitalen Eingeborenen. An ihren Zeichen sollt’ ihr sie erkennen.

Die Spur des Blogs bricht nicht ab an der Grenze zwischen Virtualität und Wirklichkeit. Sie läßt sich verfolgen, wenn man sie liest. Dieser Blog hat etwas zu tun mit dem Leben, das auch die Selbst-Verschwender als ein wirkliches wahrnehmen. Sie verschwenden es: trotzdem!

Wir arbeiten an der endlosen Tätowierung des Netzes, weil die Haut unseres wirklichen Körpers zu wenig Fläche bietet für den Ausgriff unserer Gedanken und die Amplitude unserer Sehnsucht.

Schmerzlos sind diese Einritzungen nicht. Der Schmerz ist die vorherrschende Empfindung an der zarten Haut zwischen Netz und Wirklichkeit, jenem Raum der Fremdheit, den wir immer wieder durchstossen müssen, um wirklich zu uns zu gelangen.

Alexander Pschera

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wer ist? Wer kann von sich sagen?

Zum Gedenken einer Freundschaft

“‘Sich-Verlieren, Sich-Wegwerfen, Sich-Verschwenden, Leben…’ schrie ich meinem erschöpft dreinschauenden Freund ins Gesicht – und dann noch: ‘Du bist ja noch nicht ‘mal bei Facebook!’ Mein Freund ist seit langem arbeitslos, dabei sehr begabt, sehr klug, kennt sich aus in der Literatur. Ich schrie weiter, dass er sich loslassen müsste in unsere Zeit bzw. mindestens in die Spätmoderne, um sich in sie nachgerade ‘einzufleischen’, habe ich, glaube ich, gesagt. Ich proklamierte, er müsse die ‘unmögliche Negativität’, von der ich unlängst in bahnbrechenden schweren Begriffen schrieb, schmerzhaft erfahren. Er verwies müde auf seine problematische Beziehung und das Baby. Außerdem müsse er noch dieses und jenes bei e-bay versteigern, um die nächste Miete bezahlen zu können. Dabei machte er nervenaufreibende Mundbewegungen, die ich mir verbat.

Inzwischen war das Baby, die kleine Louise, mit unbarmherzigen Geschrei in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit gekrabbelt und wollte, obwohl ich gerade noch Sloterdijk zu zitieren versuchte, nicht aufhören mit ihrem Lärm. Zudem musste ich zur Kenntnis nehmen, dass mein Freund ‘jetzt gefälligst dran’ war. Er wirkte entmutigt. Ich versuchte noch etwas Bewegendes zum Burn-out zu sagen, scheiterte aber an der Lautstärke von Mutter und Kind.

Bei all dem war mir unwohl. Warum war mein Freund nicht in der Lage, sich in der Ekstase des Mediums zu verschwenden? Warum war ich nicht in der Lage, diese Bitterkeit loszuwerden, die mir aus all dem entgegenkam? Warum war mein Freund nicht bei Facebook oder bei Twitter?

Während des ganzen Geschehnisses hatte ich ich mehrfach auf meinem iPhone meine e-mails kontrolliert und festgestellt, dass ich in der letzten Stunde keine neuen mehr erhalten hatte. Ich fühlte mich leblos.

Ich nahm noch den Gesichtsausdruck meines Freundes zur Kenntnis, der aussah, als wollte er die Mutter anspucken. Schon holte er aus zum Schlag… Da hatte ich die Höhle auch schon verlassen und das helle Leuchten meines iPhones leuchten lassen.”

Es ist ja nicht so, als wären die Ungewissheiten verschwunden. Gott ist nicht wieder auferstanden, nachdem ihm jener Philosoph sein Ableben attestierte. Das Leben ist immer noch tief, so tief, dass die Begriffe es selten erreichen. Überhaupt sind die Begriffsordnungen keineswegs wieder hergestellt. Wir haben keine Sprache. Es ist schwer, etwas zu sagen. Es scheint, als hätten wir das unter dem Eindruck der “Zwitschermaschinen” (Klee und Pschera) vergessen.

Der “affirmative Overflow”, den Pschera bezweifelt, besteht nicht in einem ununterbrochenen Applaus. Das zu behaupten, ginge am Medium vorbei. Er besteht vielmehr in einer inzwischen in die Poren der Zeit eingedrungenen Ignoranz der eigentlichen Sprachlosigkeit. Das Medium muss sich aufblasen, damit es imponiert. “Es denkt nicht”. Das behauptete einmal ein Philosoph von der Wissenschaft. Letztlich funktioniert das Medium auf der Grundlage von “hits”. Das ist die eigentliche Affirmation dieser Ökonomie. Einsam sind wir nicht auf Facebook. Und das meine ich nicht polemisch.

“Ich war gerade nach Haus’ gekommen, als mich meine Frau schon in der Tür anschrie, dass mein Hausarzt sie ‘verdammte Scheiße nerve’. Er hatte mehrfach angerufen. Sie hatte noch zu arbeiten. Ich rief also zurück. Er wollte mir mitteilen, dass ich ‘leider, leider Leberkrebs’ hätte und dass er daher mit mir einen Termin absprechen müsste zur Einleitung der ersten Chemo. Ich dachte, er hätte mir das auch per mail mitteilen können, ich hätte mich vorher nicht so leblos fühlen müssen.”

Peter Trawny

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Verkauft mein Fleisch an den billigen Ständen

Wenn das Medium zur Negativität unfähig ist, dann bleibt allerdings nichts anderes mehr übrig, als dass wir uns seiner Positivität unterwerfen. Auch damit würden wir einen Teil unserer Mission erfüllen. Denn der Mensch ist, bevor er Verlust ist, Augenblick. Er stimmt sich selber emphatisch zu. Und das ist doch schön, wenn es so ist. Wer hat das Recht, diesen Augenblick Schein zu nennen? Nicht nur der Verlust des Augenblicks ist Sein, sondern auch dieser Augenblick selbst. In einer Zeit zu leben, in der die Gesellschaft sich im Wesentlichen selbst zustimmt, kann man auch als Entlastung empfinden von dem, was da noch auf uns zukommen mag.

Aber ist das tatsächlich wahr: Leben wir in einem affirmativen Overflow? Ich habe eher das Gefühl, das wir am Rande des kollektiven Wärmetods stehen. Das ganze System strebt dynamisch einem immer wahrscheinlicheren Zustand zu. Die gesättigte Gesellschaft ist entropisch, sie wird aufflammen und zu Asche zerfallen.

Man könnte auch sagen: Sie ist im Zustand einer apokalyptischen Zuspitzung. Die Apokalypse ist nicht etwas, das noch kommt, sondern wir sind mitten in ihr. Im apokalyptischen Aufschwung ist alles Zustimmung zum finalen Höhepunkt. Die Totalität des Mediums ist eine totale Enthüllung, eine totale Offenbarung. Totale Offenbarung ist totale Positivität. Hier ist alles immer da. Letzte Energien sammeln sich für die letzte Stichflamme.

Mikrophysisch entspricht dem die Zersetzung der Person. Bevor sie wieder aufersteht, zerfällt sie in ihre Teile. Sich-Verlieren, Sich-Wegwerfen, Sich-Verschleudern: das sind Formen der Zersetzung, die sich im Medium ereignen. Wer gehört hier noch sich selbst? Wer ist bei sich? Wer kann von sich sagen, dass er autark ist?

Die Person verströmt sich ins Medium, um offenbar zu werden.

Alexander Pschera

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

Unmögliche Negativität

Was die Medien mit dem Super-Medium des Kapitals verbindet ist das ihnen eigentümliche Unvermögen zur Negativität.

Das Medium ist präsent. Ist es nicht präsent, ist es keineswegs absent. Es kann gar nicht nicht-präsent sein. Auf dem dunklen Bildschirm bleibt das Medium anwesend. Es schläft noch nicht einmal. Es ist immer. Selbst das Dunkel leuchtet noch. Vielleicht schreibt auch deshalb Alexander Pschera dem Medium quasi religiöse Eigenschaften ein.

Es ist immer. Und es ist immer in einer völlig unberührbaren und daher unverletzbaren Art und Weise. Anders als jeden Körper können wir es nicht zerbrechen, wir können ihm kein Stück abschneiden, können ihm nicht das Wasser abgraben, nicht die Energie abschalten. Überflüssig zu sagen, dass es nicht verblasst oder ergraut oder rostet, d.h. nicht altert. Es ist nicht nur immer, sondern immer jetzt.

Weil es immer jetzt ist (und nicht gestern oder morgen – das sind unpassende Zeitangaben für das Medium), kann es nicht Nein sagen. Gewiss möchte es kritisieren und attackieren, es möchte die Freiheit und vorzüglich die Pressefreiheit verteidigen, es möchte gern für den Untergang (allerdings auch für die Herrschaft) der Diktatoren und allgemein für Gerechtigkeit sorgen, es möchte selbst der Motor der Revolution sein, ja, dafür ist es selbst sogar “medienkritisch” (“kapitalismuskritisch”), so dass es scheint, es könne sich sogar von sich selbst noch befreien – doch das ist eben nur ein Schein.

Noch die treffendste Selbstkritik fällt mit Notwendigkeit in das Medium selbst zurück und bestätigt es in seiner „Medialität“ (ein Begriff des Medientheoretikers Dieter Mersch). Denn dieser Versuch zur Negativität springt sogleich um ins Positive. Das Medium kann sich nur bestätigen.

Freilich ist das nicht “inhaltlich” gemeint. So gesehen ist jede Selbstkritik das, was sie ist. Doch eine solche materiale Selbstnegation wird von dem formalen Immer-Jetzt des Mediums aufgesogen und verzehrt. Es hinterlässt in seiner Präsenz noch nicht einmal eine „Narbe“, das Immer-Jetzt dauert einfach weiter, reißt alles in eine seltsame Indifferenz zwischen Vergessen und Erinnern.

Dass das Medium (und der Kapitalismus) unmöglich in sich selbst eine Differenz hervorbringen können, um sich an dieser schmerzhaft in sich selbst spüren, zeigt, dass die Unterscheidung zwischen Inhalt und Form sinnlos ist. In dieser Hinsicht ist wirklich “the medium the message” (McLuhan). Übrigens gehört der Begriff der “message” in die sogenannte “Informationsgesellschaft”, die längst hinter uns liegt.

Der Zustand unserer Gesellschaft ist – selbst angesichts der aufkommenden Proteste – der einer tiefen Affirmation.

Das Immer-Jetzt des Mediums ist dasselbe wie das der Börse. Zwar wird viel von der Zukunft der Kursverläufe geredet, doch die Augen heften sich einzig  und immer auf das, was jetzt ist. Der “Einbruch” eines Kurses ist kein Zeichen der Negativität, selbst der Zusammenbruch von ganzen Märkten nicht: wer Kapitalismus sagt, sagt notwendig Konjunktur.

Das Medium sowie die kapitalistische Ökonomie kennt keinen Verlust, d.h. sie kennen nicht das, was der Mensch ist.

Wer das alles zu langweilig findet, der schaue sich die “Southpark”-Episode (1505) “Crack Baby Athletic Association” mit einem überragenden Cartman als “well-respected owner in the slavery” (ungefähr 11:45) an.

Peter Trawny

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Hinterlasse einen Kommentar

Medienfresser

Wie steil muss ein Gedanke sein, um als Theorie durchzugehen? Dass es in unserer Gesellschaft solche gibt, die Arbeit medial von sich abstossen, und andere, die durch dieses Medium in die Arbeit hineingestossen werden, klingt gut, ist jedoch gerade in puncto ökonomische Wirklichkeit nicht richtig. Das soziale Medium wenigstens ermöglicht einen Umkehrschub der Bewegung des Abdrängens. Es ist Distribution von Macht, die genutzt werden kann und will.

Unternehmen bemächtigen sich in facebook des Sozialen als Ressource.  Das, was bislang systemexterner Widerstand der Wertschöpfung war, wird produktiv gemacht. Die soziale Marktwirtschaft mutiert solcherart in ein soziales Medium. Markenbotschaften, Produktoptimierungen, Marketingideen werden der crowd, der tribe, dem clan überantwortet. Die Narration des Archaischen übernimmt die Kontrolle über die Gruppen. Sie erden sich in Rollen. Die Gemeinschaft wird derart zu einer Funktion des added value. Sie wird, so weit ist die These korrekt, tatsächlich in Arbeit abgedrängt, abgeschoben.

Aber dieser Prozess hat eine Kehrseite. Crowd sourcing ist eine Vergessellschaftung nicht der Produktions-, jedoch der Vermittlungsmittel. Und diese sind in einem ökonomischen System, das tendenziell mehr Ressourcen für die Erweckung von Bedürfnissen aufwendet als für deren Befriedigung, den Produktionsmitteln an Wert überlegen. Es ist nicht mehr wichtig, die Fabriken zu besetzen, auch nicht die Fernsehstationen, sondern der wahre Kampf spielt sich um facebook ab. Occupy facebook, lautet die Devise.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass jede Sklavengesellschaft ihren Spartacus haben kann und jeder Stamm seinen Häuptling. 400.000 Fans folgen auf facebook einem führenden deutschen Kosmetik-Discounter. Sie folgen ihm, weil sie einerseits seine Produkte lieben und weil sie andererseits zur Aura seiner Marke gehören wollen. Denn Marken sind die letzten sozialen Schirme, die uns geblieben sind.

Diese 400.000 sind keine leere Zahl, sondern sie sind eine echte ökonomische Kraft. Ihre Kraft besteht nicht nur im Kaufen. Sie können – sie könnten, muß es besser heissen – Druck ausüben auf Preisgestaltung, Arbeitsbedingungen, soziales Engagement. Sie könnten den Spieß umkehren und destruktiv werden. Sie könnten das homogene Feld der Pinnwand dieses Discounters von innen her aufbrechen und Muster des Chaos einzeichnen. Sie könnten aber auch das Spiel der vergesellschafteten Komunikation mitspielen und die Rolle als Botschafter des Unternehemens, die ihnen aufgedrängt wird, ernst nehmen.

Das Medium frisst nicht seine Kinder, sondern diese fressen das Medium, indem sie zeigen, dass sie dieses Medium sind. Die digitalen Eingeborenen  – die, von denen Peter Trawny spricht, wenn er von dem Hineingeboren-Werden in den Unterschied spricht – haben genügend Distanz zur Arbeit, um sie gelassen “Arbeit” nennen zu können. Im Modus des Als-Ob wird Arbeit erträglich.

Alexander Pschera

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die neue Sklavenhaltergesellschaft

Wer verstehen will, was ist, was geschieht, der muss nicht den steilen Thesen der Philosophen (erst Recht nicht der sonstigen Schriftsteller) folgen, sondern die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der wir leben, durchdringen. Alles beginnt dort, wo die Menschen mit ihren basalen Antrieben tätig sind, wo sie für ihre sozio-ökonomische Existenz sorgen. So ein Denken, das sich von Marx herschreibt. Ich versuche, dem einmal zu folgen.

Marx hatte das beginnende Industriezeitalter vor Augen. Es gab noch keine Schwerindustrie. Sie bestimmte das 20. Jahrhundert. Dennoch operierte Marx bereits mit Begriffen wie z.B. dem des “Weltmarkts”. Unsere gesellschaftliche Situation ist von den Medien in verschiedensten Spielarten geprägt. Das Leuchten und Leuten der Bildschirme ist omnipräsent. Mit ihrer Bildmacht zeichnen sie einen Anblick, der vor Reichtum und Gesundheit strotzt. Eine Verzerrung, wie sich herausstellen wird. Wer unsere gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen versucht, muss mit einer “Medien-Analyse” beginnen.

Ich versuche also, die Medien (darunter auch die “sozialen Medien”) als das sehr wichtige Indiz einer politisch-ökonomischen Wirklichkeit zu begreifen, die gerade im Medialen ihren eigentlichen Charakter hat. Dabei erscheint es mir als sinnvoll, die Vielheit dieser Medien als die Streuung eines Mediums zu deuten. Die Vielheit der Medien dient dazu, dass die Macht dieses einen Mediums sich verhüllt.

Marx bezeichnet das Kapital einmal als ein “Verhältnis”. Er dachte an das zwischen den Eigentümern der “Produktionsmittel” und den “Produktionskräften”, d.h. denen, die ihre Arbeitskraft einzusetzen gezwungen sind. Dieses “Verhältnis” ist dieses eine Medium.

Die sozio-ökonomische Situation einer Gesellschaft leitet sich nun von dem her, wie dieses “Verhältnis” – das Medium – konkret gestaltet wird bzw. zur Gestaltung dieser Gesellschaft dient. Indem das Medium bzw. das Kapital dieses “Verhältnis” ist, zeigt sich, dass es immateriell ist.

Heute organisiert das Medium (d.h. das Kapital) die sozio-ökonomische Lage der Gesellschaft so, dass wir auf einen neuen, subtilen und paradoxen Typus von “Sklavenhaltergesellschaft” zusteuern.

Im antiken Griechenland waren die Freien von den Sklaven für gewöhnlich per Geburt unterschieden. Wir können uns die rechtliche Differenz zwischen diesen beiden nicht extrem genug denken. Trotzdem können wir davon ausgehen, dass die alltägliche Berührung zwischen ihnen groß war. Diese Freien und diese Sklaven lebten sozusagen unter demselben Dach, die Welt war im Zeichen eines abgrundtiefen Unterschieds eine gemeinsame.

Heute ist der Freie der, der durch die Gestaltung des Mediums (des Kapitals) die Arbeit von sich abgestoßen hat. Der Sklave dagegen ist der, der durch dieselbe Gestaltung des Mediums in die Arbeit gestoßen wird. Der Unterschied zwischen diesem Freien und diesem Sklaven ist konkret (sagen wir: “lebensweltlich”) viel größer als der der Freien und Sklaven im antiken Griechenland. Zwar gibt es eine garantierte Rechtsgleichheit, doch diese hat für den Alltag der Menge kaum eine Relevanz. Dieser Freie und dieser Sklave leben kein gemeinsames Leben mehr, es gibt keine Berührung. Gleich geblieben ist übrigens, dass man durch die Geburt in diesen Unterschied gerät.

So gesehen sorgt das Medium in der sozio-ökonomischen Lage der Gesellschaft für ein Verhältnis, das keines mehr ist. Diese Verhältnislosigkeit hat eine positive Bedeutung. Denn sie sorgt dafür, dass das Gemeinwesen (noch) nicht auseinanderbricht. Es ist also die Verhältnislosigkeit, die für den “sozialen Frieden” sorgt.

Und die “sozialen Medien”? Sie scheinen die Mittel zu liefern, den Anschein zu erzeugen, unsere gesellschaftliche Wirklichkeit sei nachwievor eine einheitliche. Durch den Schein des “freien Zugangs” zu allem und jedem meint die Menge, es gäbe noch eine gemeinsame Welt. Demnach sichern die “sozialen Medien” den status quo. Sie verhindern das Sichtbarwerden einer Kluft zwischen Freien und Sklaven, die immer größer wird. Wie sie das leisten, ist beinahe ein wahres Wunder.

Peter Trawny

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Doch was ist im Sommer…

… wenn das Licht der Monitore nicht ankommt gegen die Sonne?

Draussen herrscht Nebel. Es ist November. Die Fenster, sie sind verriegelt. Die Blumen, sie haben sich geschlossen. Sie sind in sich gekehrt, sie sind in sich eingekehrt. Sie waren einmal meine Freunde. Jetzt haben sie das Licht mit sich hinab in die Tiefe genommen. Und die Mütter, ich sehe sie nicht mehr.

Ich nehme also Zuflucht.

Die sozialen Medien sind eine Zuflucht. Sie sind religiös, weil sie religiösen Ursprungs sind. Das erste Gesicht, das Ur-Antlitz, das vera icon, steht hinter oder schwebt über jedem Face in diesem endlosen, zeitlosen Book. Jedes Gesicht führt sich auf jenes vera icon zurück, denn es steht am Anfang aller Bilder und Abbilder des menschlichen Gesichts. Es leuchtet von Innen, es pulsiert Licht aus sich heraus. Es strahlt wie ein Monitor. Es ist ein Monitor, weil es über uns wacht, und weil es uns warnt.

In facebook geben wir uns ein Gesicht, um Rechenschaft abzulegen.

Alexander Pschera

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Opium

Die Bildschirme leuchten. Sie sind überall. Alles ist erfüllt von diesem sanften Strahlen. Wie leicht lassen sie sich multiplizieren. Die Flächen entfalten sich wie Blütenblätter, die selbst die wärmende Sonne sind.

Die Flächen öffnen sich. Sie sind wie Fenster, an denen die Mütter zum Abendbrot winken oder durch die hindurch ich sehe, wie der Freund mir entgegenkommt. Sie bilden eine Scheibe, die die Welt ist. Ich sehe mich in ihr sogar selbst, wie ich jenseits aller Sorgen meine Kreise ziehe. Mir steht Alles offen, und alle Dinge, die ich brauche, wollen bei mir sein.

Kein Hunger, kein Durst unterbricht die Anwesenheit dieser Schönheit. Jede Not ist gewendet. Jeder Widerstand gebrochen. Ich bin frei. Und du bist wie ich, und wir wollen nichts anderes mehr sein.

Im freien Zugang zu allem und jedem erfüllt sich der Traum einer Gemeinschaft, in der die Unterschiede kaum einen immateriellen Charakter haben und daher nicht ins Gewicht fallen. Das “soziale Medium” ist die eigentliche “klassenlose Gesellschaft”.

Peter Trawny

 
Veröffentlicht unter 800 Millionen//Revolution | Hinterlasse einen Kommentar