Was ereignet sich im Medium?

Oder ereignet sich überhaupt etwas?
Peter Trawny hat diese Frage in seinem Essay “Medium und Revolution” mit Nein beantwortet. Das Medium ist “immaterielle Einheit von Kapital und Technik”: Zunächst finde ich die Idee eines globalen Mediums, einer “uns” und die “Welt” permanent verschiebenden Potenz, gut. Das Medium ist mehr als die Medien, auch mehr als das Mediale: Es fasst alles das, was uns momentan irgendwie und ungenau bedrängt, zusammen. Das trifft schon den Punkt. Denn es hat sich qualitativ etwas verändert in unserem Lebensfluidum, ich stimme dem zu. Man ballt die Faust und spürt nicht mehr die Luft, die diese Faust umschließt. Man greift ständig ins Leere und kann nicht einmal im Piratenkostüm einen Hieb setzen, der Schmerz auslöst…
(Schmerz: das wäre übrigens auch ein wichtiges Kriterium für Ereignishaftigkeit. Schmerzt es, wenn ich auf facebook ent-freundet werde? Schmerzt es, wenn niemand meine Postings liked? Oder sind dies nur symbolische, mediale Akte? Akte der Repräsentation? Akte der Substitution?).
…Das Leben verschiebt sich. Konkretheit wird wegmoderiert. Produktion wird durch Vermittlung ersetzt.
Peter Trawny sagt, es gäbe keine Produktion mehr, nur noch Vermittlung. Wenn ich aus dem Fenster meines Büros schaue, dann hat man den Eindruck: ja, so ist es. Aber bei uns auf dem Dorf, meinem anderen realen „Aufenthalt”, rattern die Traktoren, sausen die Hobel, werden die Kühe gemolken, bekomme ich einen Kostenvoranschlag für die Renovierung eines Bauernhofdaches, dem hoffentlich nach der Reparatur ein materieller Wert gegenüber steht. Oder ist das auch nur „Verschiebung”? Von was wohin? Sind das keine Produktionen?
Es ereignet sich etwas im Medium. Das Medium kann selbst Ort dieses Sich-Ereignens sein. Vielleicht sehen wir es nur nicht so, wie es gesehen werden will. Das gilt auch für das soziale Medium, für Facebook. Die sozialen Medien sind keine Struktur eines totalen Diskurses, es gibt in ihnen den Moment der Wahrheit, den antiken kaíros. Das ist die These der 800 Millionen. Facebook ist ein poetischer Ort, ein Ort, an dem etwas erschaffen, produziert, wird. Ein Ort auch, an dem es still werden kann und an dem der unendliche Diskurs verstummt. (Die Welle des Geschwätzes bricht sich an der Klippe der Pinnwand.) Ein alltäglicher Ort, der das Licht des Alltags wie ein Prisma bricht und Farben zum Vorschein bringt. Ein Ort, der solcherart den Alltag verschiebt, aber eher im Sinne einer Verschiebung von verdichteten Ebenen in eine Struktur der Ent-Dichtung. Das wäre dann das Ereignis der Sichtbarmachung des Alltags, der Poesie des Alltags, im Medium, in dem sich das ereignet.
Alexander Pschera
Wer die “sozialen Medien” für einen Ort jenseits der gewöhnlichen (d.h. kapitalistischen) Ökonomie hält, muss zeigen können, inwiefern diese Ökonomie dort nicht gilt. Dass das Medium von sich behauptet, es würde dem antikapitalistischen Aufstand dienen, indem es eine subversive, anarchische Kommunikation ermöglicht, ist das eine. Wer ihm glaubt, macht denselben Fehler wie der, der meinte, die erste Schallplatte der “Sex Pistols” würde es dem Establishment schon zeigen. Nun ist wahr, dass in der Teilnahme bei “Facebook” kein unmittelbarer Gewinn herausspringt. Doch indem das Sichenthalten kaum möglich ist, weil dieses sogleich in einem Verlust verschwindet, wird die alltägliche Ökonomie bestätigt. Wer sich verweigert, fällt in die Dunkelheit seines Körpers zurück (oder erscheint erst gar nicht). Insofern ist “Facebook” unvermeidbar. Wir sind wie die Medienjunkies Justin Timberlake oder Charlotte Roche zu einer Existenz im Medium verdammt.Insoweit das Kapital Leben erscheinen oder verschwinden lässt (Luxus = Erscheinen / Armut = Dunkelheit und Verschwinden), ist das Medium das Super-Kapital.
Oder sind die “sozialen Medien” doch der “poetische Ort”, von dem Alexander Pschera spricht, also der Ort einer Intimität, an dem ich die Nähe zum Anderen bewohnen darf? Geben uns die “sozialen Medien” diese einzigartige Möglichkeit? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass der Technik und besonders der Technologie der “sozialen Medien” (am Anfang war das Internet) nicht selten ein utopischer Charakter zugesprochen worden ist. In der reinsten Transparenz des für alle zugänglichen “Mediums” erfüllt sich der Traum der vollendeten Demokratie. Dass das Internet dann zunächst zum Porno-Paradies wurde, ist bekannt. Doch es wäre im Sinne Pscheras wohl falsch, die Faktizität des Mediums mit den Möglichkeiten “sozialer Medien” zu identifizieren. Vielleicht haben die “sozialen Medien” doch die Möglichkeit, sich zu übersteigen und zu verwandeln, indem sie uns verwandeln. Vielleicht aber sind sie der letzte und beste Triumph einer Welt, die nur sich bestätigen will.Ein Wort noch zur Produktion. Ich meine nicht, dass wir in Zeiten leben, in denen die Produktion verschwindet und an ihre Stelle das Medium tritt. Ich meine vielmehr, dass die Produktion sich ins Immaterielle, Diaphane begeben hat. Ich bin daher der Ansicht, dass wir in Zeiten höchster Produktivität leben. Deshalb gibt es auch keine Philosophie mehr. Denn dort, wo es ein Ranking von “Philosophen” gibt, herrscht brutalste Produktion, aber die Philosophie ist entflohen.
Peter Trawny


 
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2 Antworten auf Was ereignet sich im Medium?

  1. gastonfebus sagt:

    der bisher lesenswerteste blog zum thema! ich freue mich auf das kommende (es muss ja nicht gleich die revolution sein)!

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